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PHAIDROS.
(De pulchro)
Nach der Übersetzung von Ludwig Georgii
in: Platon's Werke, erste Gruppe, erstes und zweites Bändchen, Stuttgart 1853,
bearbeitet.
Durch Anklicken der indizierenden Seitenzahlen im deutschen Text wird die entsprechende Seite mit dem
griechischen und lateinischen Text der Didot-Edition angezeigt.
[227 St.3 A] SOKRATES: Mein lieber Phaidros, wohin denn und woher?
PHAIDROS: Von
Lysias, o Sokrates, dem Sohne des Kephalos. Und nun gehe ich spazieren vor die
Stadtmauer hinaus. Denn ich habe vom frühen Morgen an die ganze Zeit dort sitzend
zugebracht. Dabei folge ich deinem und meinem Freund Akumenos und mache meine
Spaziergänge auf der Straße, denn, versichert er, diese seien gesünder [B] als in den bedeckten
Hallen.
SOKRATES: Und mit Recht sagt er das, mein Freund! Also war Lysias, wie es scheint, in der Stadt?
PHAIDROS: Ja, beim Epikrates, dort im Morychischen Hause, neben dem Olympion.
SOKRATES: Was war denn nun da der Zeitvertreib? Oder, versteht sich, Lysias hat euch von seinen
Reden aufgetischt?
PHAIDROS: Du sollst's erfahren, wenn du soweit Muße hast, weiter zu gehen und zu hören.
SOKRATES: Wieso? Glaubst du denn nicht, dass es mir, mit Pindaros zu reden, auch über ein
dringendes Geschäft selbst gehe, deinen und des Lysias [C] Zeitvertreib zu hören?
PHAIDROS: So gehe denn zu!
SOKRATES: Und du magst reden!
PHAIDROS: Und gewiss, o Sokrates, wohl steht dir das Hören an. Denn die Rede, mit der wir uns
die Zeit vertrieben, war, ich weiß selbst nicht auf welche Weise, eine Liebesrede. Lysias nämlich
hat da von irgendeinem der Schönen geschrieben, der versucht wird, nicht aber durch einen
Liebhaber. Allein eben dies ist ja auch das Feine daran! Nämlich er sagt, man müsse sich lieber
dem Nichtverliebten gefällig zeigen als dem Verliebten.
[D] SOKRATES: O der Edle! Dass er doch geschrieben hätte, man solle es einem Armen lieber als
einem Reichen, und einem Älteren lieber als einem Jüngeren, und was sonst bei mir und den
meisten von uns zutrifft! Ja, das wären einmal hübsche und gemeinnützige Reden! Ich freilich bin
nun so begierig geworden zu hören, dass, wenn du auch, um deinen Spaziergang zu machen, bis
nach Megara gingest und, wie Herodikos rät, an der Mauer angekommen wieder umkehrtest, ich
dich doch nicht verlassen würde.
PHAIDROS: Wie sagst du, mein bester Sokrates? Glaubst du, was Lysias [228 St.3 A] in vieler Zeit
mit Muße verfasst hat, er, der Gewaltigste im Schreiben unter allen jetzt Lebenden, das werde ich
Laie aus dem Gedächtnis hersagen können auf eine seiner würdigen Weise? Dazu fehlt mir doch
noch vieles, wie wohl ich es lieber wollte als viel Gold.
SOKRATES: O Phaidros, ich müsste ja mich selbst vergessen haben, wenn ich den Phaidros nicht
kennte! Aber das ist denn beides nicht der Fall. Gar wohl weiß ich, dass der, wenn er eine Rede
des Lysias hörte, sie nicht nur einmal hörte, sondern dass er sie sich öfters und wiederholt sagen
ließ, dieser aber ihm bereitwillig Folge [B] leistete. Allein ihm war auch das nicht genügend,
sondern zu guter Letzt hat er das Schriftchen zur Hand genommen und das, worauf er am
meisten begierig war, noch nachgesehen. Und in diesem Geschäft vom frühen Morgen an
sitzend, hat er sich endlich losgesagt, um einen Spaziergang anzutreten, so zwar, dass er, wie ich
glaube, beim Hunde, die Rede schon auswendig wusste, wenn es nicht eine gar zu lange war. Vor
die Stadtmauer hinaus aber nahm er seinen Weg, um sie einzuüben. Da begegnete er nun dem
Manne, der an der Sucht, Reden zu hören, krank ist, [C] und kaum hat er ihn erblickt, so freute er
sich schon, dass er nun einen Mitschwärmer haben würde, und hieß ihn zugehen. Als ihn aber
nun der Redenliebhaber zu reden bat, tat er spröde, als ob er gar nicht zu reden begehrte. Zu
guter Letzt aber würde er, wenn einer nicht gutwillig hören wollte, noch Gewalt brauchen, um
ihm herzusagen. Du nun, o Phaidros, bitte ihn, dass er lieber [D] jetzt schon tue, was er doch
jedenfalls in Bälde tun wird!
PHAIDROS: Wahrhaftig, da ist es das Allerbeste für mich, eben zu sprechen, so gut ich kann, wirst
du mich ja doch, wie du mir vorkommst, unter keinen Umständen loslassen, ehe ich, wie es auch
gehen mag, rede.
SOKRATES: Und ganz mit Wahrheit komme ich dir so vor.
PHAIDROS: Nun, ich will es denn so machen. Denn wirklich, o Sokrates, die Worte habe ich
schlechterdings nicht auswendig gelernt, dagegen dem Sinn nach will ich so ziemlich alles, worin,
wie er sagte, der Stand des Verliebten von dem des Nichtverliebten sich unterscheidet, in
Umrissen [E] eines nach dem anderen auseinandersetzen und dabei von vorn anfangen.
SOKRATES: Ja, mein Lieber, aber erst, wenn du zuvor sehen lässt, was du da in der linken Hand
hast unter dem Mantel. Denn ich vermute fast, du hast die Rede selbst. Wenn aber dies der Fall
ist, so denke so von mir, dass ich dich zwar sehr liebe, aber wenn Lysias selbst zugegen ist, ganz
und gar nicht gewillt bin, mich dir zum Einüben herzugeben. Wohlan denn, lasse sehen!
PHAIDROS: Halt ein! Zunichte gemacht hast du mir die Hoffnung, o Sokrates, die ich hatte, meine
Stärke an dir versuchen zu dürfen! Aber wo willst du nun, dass wir niedersitzen und lesen?
[229 St.3 A] SOKRATES: Wir wollen hier abbiegend den Ilissos hinabgehen, dann können wir, wo es
uns gut dünkt, in Ruhe uns niedersetzen.
PHAIDROS: Zum Glück, wie es scheint, bin ich gerade unbeschuht. Du bist es ja allezeit! Das
Einfachste nun ist es für uns, die Füße benetzend das Wässerlein hinabzugehen, und auch nicht
unangenehm ist es zumal in dieser Jahres- und Tageszeit.
SOKRATES: So gehe zu und sieh dich zugleich um, wo wir uns niedersetzen können!
PHAIDROS: Nun, siehst du dort jene höchste Platane?
SOKRATES: Wie sollte ich nicht?
PHAIDROS: Dort ist sowohl Schatten als auch ein mäßiger Luftzug, auch Rasen, um uns
niederzusetzen oder, wenn wir lieber wollen, uns niederzulegen!
[B] SOKRATES: So magst du nur zugehen!
PHAIDROS: Sage mir, o Sokrates, erzählt man nicht, von hier aus irgendwo am Ilissos habe Boreas
die Oreithyia entführt?
SOKRATES: So erzählt man.
PHAIDROS: Vielleicht also von hier aus? Gefällig wenigstens und rein und durchsichtig ist das
Wässerlein anzusehen, und recht geeignet für Mädchen, an ihm zu spielen.
SOKRATES: Nicht doch, sondern ungefähr zwei oder drei Stadien weiter unten, wo wir zum
Heiligtum der Agra hinübergehen, auch ist dort irgendwo ein Altar des Boreas.
PHAIDROS: Das habe ich nicht genau gewusst. Aber sage, beim Zeus, o Sokrates, glaubst du, dass
[C] diese Sage wahr sei?
SOKRATES: Nun, wenn ich es auch nicht glaubte, wie die Weisen, wäre ich darum doch nicht
verlegen. Ich würde dann weise erörternd sagen, ein Windstoß des Boreas habe sie, wie sie mit
der Pharmakeia spielte, über die nahen Felsen hinabgetrieben, und weil sie auf diese Art ums
Leben gekommen, habe man erzählt, sie sei vom Boreas entführt worden. Oder vom Areiopagos
aus, denn auch so wird die Sache wiedererzählt, sie sei von dort, nicht von hier aus geraubt
worden. Ich aber, o Phaidros, halte nun dergleichen Dinge zwar im übrigen [D] für etwas ganz
Hübsches, dabei aber für die Sache eines sehr starken und sich gern abmühenden Geistes, der
auch nicht eben glücklich zu preisen ist, nicht zwar in anderer Beziehung, aber weil er nach
diesem notwendig die Gestalt der Hippokentauren zurechtrücken muss, und auch die der
Chimaira. Und dann strömt ein ganzer Pöbel von derartigen Gorgonen und Pegasen herbei, dazu
die Haufen anderer wunderlicher [E] und unbegreiflicher Wundernaturen, so dass, wenn einer
ungläubig jedes einzelne auf das Scheinbare zurückführen will, er sich mit einer etwas derb
beschaffenen Weisheit befassen muss, die ihn viele Muße kosten wird. Ich jedoch habe dazu