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Marc Aurel
Selbstbetrachtungen
Deutsche Bibliothek in Berlin
Für die Deutsche Bibliothek nach der Übersetzung von F.C. Schneider
herausgegeben und eingeleitet von Alexander von Gleichen-Rußwurm
Einleitung
Der Philosoph auf dem Kaiserthron gehört zu den bedeutendsten Männern des
ausklingenden Altertums. Marcus Annius Verus wurde den 25. April des Jahres 121
n. Chr. Geb. zu Rom geboren wo seine Familie, seit der Urgroßvater aus Spanien
eingewandert war, sich zu hohem Rang emporgearbeitet hatte. Sorgfältige
Erziehung, gepaart mit großer Lernbegierde, erschlossen ihm die Wissenschaft
seines Jahrhunderts, die in der Philosophie den höchsten, in unserem Sinn sogar
den einzigen Ausdruck fand. Schon im zwölften Jahr nahm der kräftig aufblühende
Jüngling den weißen Mantel und bekundete dadurch, daß er auch äußerlich zur
Kaste der Philosophen gehören wolle.
Streng und ernst gab sich die Weltweisheit des zweiten Jahrhunderts.
Entbehrungen, oft bis zum Übermaß gesteigert, wie sie später zur typischen
Eigenschaft christlicher Asketen wurden, verlangten die Anhänger der Stoa und
sahen in der Abkehr von allen Interessen, Zerstreuungen wie Freuden der Welt die
einzig richtige Stellungnahme eines Weisen den vergänglichen Dingen gegenüber.
Zurückgezogen von seinen Altersgenossen, vielleicht ein wenig ostentativ in den
weißen Mantel gehüllt, mit den Stoikern Rusticus, Apollonius, Claudius Maximus in
anregend erzieherischem Gespräch, wandelte der Jüngling durch die stillen
abgelegenen Gärten einer Villa, bis zu deren Mauern der Lärm der römischen
Weltstadt brandete. Auf Bitten seiner Mutter, die mit Bangen bemerkte, daß ihr Sohn
unter der Last selbstauferlegter Entbehrungen blasser und schmächtiger wurde,
stellte er seinen Lebenswandel auf gesündere Basis und gesellte den geistigen
Exerzitien nützliche, körperliche Übungen. Die Herrschaft des gesunden
Menschenverstandes, die in den Taten und Schriften des späteren Kaisers so
glücklich zum Ausdruck kommt, beginnt schon in den Jünglingsjahren, sobald der
einseitige Einfluß allzu strenger stoischer Lebensanschauung gemäßigt erscheint.
Den Anhängern der Stoa treten als Lehrer zur Seite Claudius Severus, der
Peripatetiker und der Platoniker Sextus aus Chaeronea, ein Enkel Plutarchs.
Epiktets nachgelassene, von Arrhianos gesammelte Schriften prägen sich der
eindrucksfähigen jungen Seele ein und wirken bestimmend auf die ethische
Entwicklung des still für sich Heranwachsenden.
1
Kaiser Hadrian fand Gefallen an dem ernsten, außerordentlich wahrhaften
Philosophenschüler und veranlaßte im Jahr 136 dessen Verlobung mit der Tochter
seines Mitregenten Verus. Als Folge dieser Verlobung ist dann die Adoptierung
seitens Antoninus (eines Sohnes des Verus) zu betrachten, der selbst von Hadrian
an Kindes Statt angenommen und zum Thronfolger ernannt war. Unter dem Namen
Marcus Aelius Aurelius Verus trat der junge Denker aus der Verborgenheit auf den
Schauplatz der großen Welt.
Sein Biograph berichtet, daß er nur ungern sein beschauliches Leben verlassen und
einen Palast in der Stadt auf Hadrians Befehl bezogen habe. Doch im Treiben des
Hofes, im bewegten politischen Frage- und Antwortspiel, auf dem Forum vor Gericht,
bei den Mühen kriegerischer Unternehmungen wuchs und reifte erst die
philosophische Saat des herben jugendlichen Frühlings zu reicher Ernte. Als Kaiser
Hadrian am 10. Juli 138 zu Bajä starb, bestieg Antonin den Thron und berief sofort
Marc Aurel an seine Seite, ihn in alle Geheimnisse der Regierungskunst
einzuweihen. Die frühere Verlobung wurde aufgehoben und die Vermählung mit
Faustina, der Kaisertochter, gefeiert. Nun war im römischen Reich jene Zeit
angebrochen, die Platos Ideal vom Staate nach einer Richtung hin zu erfüllen
schien. Zwei Philosophen herrschten gemeinsam, von edelster, einzig dastehender
Freundschaft getragen und förderten während dreiundzwanzig friedlicher Jahre
Wohlstand und Kultur in bemerkenswerter Weise. Gut bedachte soziale Maßregeln
glichen manche Härten aus, es wurde für vornehm gehalten, gebildet, ja gelehrt zu
sein und edle Duldsamkeit herrschte in den Fragen des Glaubens, soweit sie nur den
Glauben, nicht aber die politische Betätigung betrafen.
Der gekrönte Apostel der Menschenliebe – wie Stuart Mill den Kaiser Marc Aurel
genannt hat – hoffte nach dem Tod Antonins (im März 161) die friedliche, sonnige
Zeit der Philosophenherrschaft weiter zu führen und sein Ideal eines Herrschers in
sozialer Fürsorge zu verwirklichen. Aber das Schicksal, das ihm einen herrlichen
Lebenssommer gewährt, gab ihm einen desto stürmischeren Herbst. Hungersnot
und Pest suchten Rom und die römischen Provinzen heim, schwere Kriege mit den
Parthern und Markomanen brachen aus, Aufstände wie derjenige in Ägypten vom
Jahr 170 bildeten drohende Gefahren für das Reich. Dies alles lenkte von
wohltätiger Friedensarbeit ab und zwang die Arbeit des Philosophenkaisers auf
andere, ihm innerlich fremde Bahnen. Dazu kamen harte Mißstimmungen in der
eigenen Familie. Faustinas üppiges, man sagt sogar ausschweifendes Leben stand
in grellem Gegensatz zu Marc Aurels anspruchsloser Einfachheit und die
ungerechten, oft auf willkürlicher Anmaßung beruhenden Handlungen seines Sohnes
Kommodus führten zu schlimmen Befürchtungen in bezug auf die Zukunft des
Reiches.
Stunden der Sorge und der stillen Einkehr im Feldlager oder im kaiserlichen Palast
waren es, in denen der alternde Herrscher seine Gedanken niederschrieb zum
eigenen Trost. Milde Gesinnung, strenge Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue sind
das Zeichen seiner Sinnesweise und haben die „Selbstbetrachtungen” zu einem
Denkmal edler Menschlichkeit gemacht, das nie veraltet, weil es ein Bekenntnis ohne
Pose, ohne zeitlich beschränkten Zweck und ohne Darstellung vergänglicher äußerer
Tatsachen ist.
Die Handschriften, der Mode entsprechend in griechischer Sprache abgefaßt, trugen
den Titel „[Greek: chatheauton],” was später mit „Selbstbetrachtungen”
2
wiedergegeben wurde. Nach hartem Tagewerk des Abends beim Schein der unruhig
flackernden Öllampen verfaßt, bald im Lager an der Donau bei Carnunt, bald nach
lebhaften, ermüdenden Senatssitzungen in Rom, sind Marc Aurels Aphorismen aus
der Quelle des wirklichen Lebens geflossen. Starke Taten des Geistes verkünden
sie und sind Worte eines hohen Herzens.
Ihr Ursprung läßt sich nicht verkennen. Als Tagebuch einer gesunden Seele, die
stark und fest die Krankheiten des Körpers und die Schläge des Schicksals von sich
abweist, geben sie Kraft und Frieden. Kurz und scharf, klar gefaßt und manchmal
aufleuchtend wie ein Edelstein zeigen sie Ruhe des Herzens und
Begeisterungsfähigkeit, Vernunft und aufrichtige Liebe für alles Tüchtige. „Sie
offenbaren” – wie Hippolyte Taine sich ausdrückt – „die Seele eines großen Dichters,
der sich bezwingt, die Augen vom Herrlichen gebannt und im Flüsterton voll
Bewunderung sich selber sagt: ´Mensch, als Bürger dieser großen Stadt hast du
gelebt; fünf oder drei Jahre, was ficht´s dich an!´”
Die Auffassung des Kaisers über den Wert des Lebens steht der des freigelassenen