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Gottlob Frege
Der Gedanke. Eine logische Untersuchung.
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Gottlob Frege: Der Gedanke. Eine logische Untersuchung
Beiträge zur Philosophie des deutschen Idealismus 2 1918-1919, S. 58—77
Die [xy] geben die Originalseitenzahlen an, (z) die Fußnoten.
Quelle: http://www.gavagai.de/HHP32.htm
[58] Wie das Wort „schön” der Ästhetik und „gut” der Ethik, so weist „wahr” der Logik die Richtung.
Zwar haben alle Wissenschaften Wahrheit als Ziel; aber die Logik beschäftigt sich noch in ganz
anderer Weise mit ihr. Sie verhält sich zur Wahrheit etwa so wie die Physik zur Schwere oder zur
Wärme. Wahrheiten zu entdecken, ist Aufgabe aller Wissenschaften: der Logik kommt es zu, die
Gesetze des Wahrseins zu erkennen. Man gebraucht das Wort „Gesetz” in doppeltem Sinne. Wenn
wir von Sittengesetzen und Staatsgesetzen sprechen, meinen wir Vorschriften, die befolgt werden
sollen, mit denen das Geschehen nicht immer im Einklange steht. Die Naturgesetze sind das
Allgemeine des Naturgeschehens, dem dieses immer gemäß ist. Mehr in diesem Sinne spreche ich
von Gesetzen des Wahrseins. Freilich handelt es sich hierbei nicht um ein Geschehen, sondern um
ein Sein. Aus den Gesetzen des Wahrseins ergeben sich nun Vorschriften für das Fürwahrhalten, das
Denken, Urteilen, Schließen. Und so spricht man wohl auch von Denkgesetzen. Aber hierbei liegt die
Gefahr nahe, Verschiedenes zu vermischen. Man versteht vielleicht das Wort „Denkgesetz” ähnlich
wie „Naturgesetz” und meint dabei das Allgemeine im seelischen Geschehen des Denkens. Ein
Denkgesetz in diesem Sinne wäre ein psychologisches Gesetz. Und so kann man zu der Meinung
kommen, es handle sich in der Logik um den seelischen Vorgang des Denkens und um die
psychologischen Gesetze, nach denen es geschieht. Aber damit wäre die Aufgabe der Logik verkannt;
denn hierbei erhält die Wahrheit nicht die ihr gebührende Stellung. Der Irrtum, der Aberglaube hat
ebenso seine Ursachen wie die richtige Erkenntnis. Das [59] Fürwahrhalten des Falschen und das
Fürwahrhalten des Wahren kommen beide nach psychologischen Gesetzen zustande. Eine Ableitung
aus diesen und eine Erklärung eines seelischen Vorganges, der in ein Fürwahrhalten ausläuft, kann
nie einen Beweis dessen ersetzen, auf das sich dieses Fürwahrhalten bezieht. Können bei diesem
seelischen Vorgange nicht auch logische Gesetze beteiligt gewesen sein? Ich will das nicht bestreiten;
aber wenn es sich um Wahrheit handelt, kann die Möglichkeit nicht genügen. Möglich, dass auch
Nichtlogisches beteiligt gewesen ist und von der Wahrheit abgelenkt hat. Erst nachdem wir die
Gesetze des Wahrseins erkannt haben, können wir das entscheiden; dann aber werden wir die
Ableitung und Erklärung des seelischen Vorganges wahrscheinlich entbehren können, wenn es uns
darauf ankommt zu entscheiden, ob das Fürwahrhalten, in das es ausläuft, gerechtfertigt ist. Um
jedes Missverständnis auszuschließen und die Grenze zwischen Psychologie und Logik nicht
verwischen zu lassen, weise ich der Logik die Aufgabe zu, die Gesetze des Wahrseins zu finden, nicht
die des Fürwahrhaltens oder Denkens. In den Gesetzen des Wahrseins wird die Bedeutung des
Wortes „wahr” entwickelt.
Zunächst aber will ich ganz im Rohen die Umrisse dessen zu zeichnen versuchen, was ich in diesem
Zusammenhange wahr nennen will. So mögen denn Gebrauchsweisen unseres Wortes abgelehnt
werden, die abseits liegen. Es soll hier nicht in dem Sinne von „wahrhaftig” oder „wahrheitsliebend”
gebraucht werden, noch auch so, wie es manchmal bei der Behandlung von Kunstfragen vorkommt,
wenn z. B. von Wahrheit in der Kunst die Rede ist, wenn Wahrheit als Ziel der Kunst hingestellt wird,
wenn von der Wahrheit eines Kunstwerkes oder von wahrer Empfindung gesprochen wird. Man setzt
auch das Wort „wahr” einem andern Worte vor, um zu sagen, dass man dieses Wort in seinem
eigentlichen, unverfälschten Sinne verstanden wissen wolle. Auch diese Gebrauchsweise liegt nicht
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auf dem hier verfolgten Wege; sondern gemeint ist die Wahrheit, deren Erkenntnis der Wissenschaft
als Ziel gesetzt ist.
Das Wort „wahr” erscheint sprachlich als Eigenschaftswort. Dabei entsteht der Wunsch, das Gebiet
enger abzugrenzen, auf dem die Wahrheit ausgesagt werden, wo überhaupt Wahrheit in Frage
kommen könne. Man findet die Wahrheit ausgesagt von Bildern, Vorstellungen, Sätzen und
Gedanken. Es fällt auf, dass hier sichtbare und hörbare Dinge zusammen mit Sachen vorkommen, die
nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden können. Das deutet darauf hin, dass Verschiebungen
des Sinnes vorgekommen sind. In der Tat! Ist denn ein Bild als bloßes sichtbares, tastbares Ding
eigentlich wahr? und ein Stein, ein Blatt ist nicht wahr? Offenbar würde man das Bild nicht wahr
nennen, wenn nicht eine Absicht dabei wäre. Das Bild soll etwas darstellen. Auch die Vorstellung wird
nicht an sich wahr genannt, sondern nur im Hinblick auf eine Absicht, dass sie mit etwas
übereinstimmen solle. Danach kann man vermuten, dass die Wahrheit in einer Übereinstimmung
eines Bildes mit dem Abgebildeten bestehe. Eine Übereinstimmung ist eine Beziehung. Dem
widerspricht aber die Gebrauchsweise des Wortes „wahr”, das kein Beziehungswort ist, keinen
Hinweis auf etwas anderes enthält, mit dem etwas übereinstimmen solle. Wenn ich nicht weiß, dass
ein Bild den Kölner Dom darstellen solle, weiß [60] ich nicht, womit ich das Bild vergleichen müsse,
um über seine Wahrheit zu entscheiden. Auch kann eine Übereinstimmung ja nur dann vollkommen
sein, wenn die übereinstimmenden Dinge zusammenfallen, also gar nicht verschiedene Dinge sind.
Man soll die Echtheit einer Banknote prüfen können, indem man sie mit einer echten stereoskopisch
zur Deckung zu bringen sucht. Aber der Versuch, ein Goldstück mit einem Zwanzigmarkschein
stereoskopisch zur Deckung zu bringen, wäre lächerlich. Eine Vorstellung mit einem Dinge zur
Deckung zu bringen, wäre nur möglich, wenn auch das Ding eine Vorstellung wäre. Und wenn dann
die erste mit der zweiten vollkommen übereinstimmt, fallen sie zusammen. Aber das will man gerade
nicht, wenn man die Wahrheit als Übereinstimmung einer Vorstellung mit etwas Wirklichem
bestimmt. Dabei ist es gerade wesentlich, dass das Wirkliche von der Vorstellung verschieden sei.
Dann aber gibt es keine vollkommene Übereinstimmung, keine vollkommene Wahrheit. Dann wäre
überhaupt nichts wahr; denn was nur halb wahr ist, ist unwahr. Die Wahrheit verträgt kein Mehr
oder Minder. Oder doch? Kann man nicht festsetzen, dass Wahrheit bestehe, wenn die
Übereinstimmung in einer gewissen Hinsicht stattfinde? Aber in welcher? Was müssten wir dann
aber tun, um zu entscheiden, ob etwas wahr wäre? Wir müssten untersuchen, ob es wahr wäre, dass
— etwa eine Vorstellung und ein Wirkliches — in der festgesetzten Hinsicht übereinstimmten. Und
damit ständen wir wieder vor einer Frage derselben Art, und das Spiel könnte von neuem beginnen.
So scheitert dieser Versuch, die Wahrheit als eine Übereinstimmung zu erklären. So scheitert aber
auch jeder andere Versuch, das Wahrsein zu definieren. Denn in einer Definition gäbe man gewisse
Merkmale an. Und bei der Anwendung auf einen besonderen Fall käme es dann immer darauf an, ob
es wahr wäre, dass diese Merkmale zuträfen. So drehte man sich im Kreise. Hiernach ist es
wahrscheinlich, dass der Inhalt des Wortes „wahr” ganz einzigartig und undefinierbar ist.
Wenn man Wahrheit von einem Bilde aussagt, will man eigentlich keine Eigenschaft aussagen,
welche diesem Bilde ganz losgelöst von anderen Dingen zukäme, sondern man hat dabei immer noch
eine ganz andere Sache im Auge, und man will sagen, dass jenes Bild mit dieser Sache irgendwie
übereinstimme. „Meine Vorstellung stimmt mit dem Kölner Dome überein” ist ein Satz, und es
handelt sich nun um die Wahrheit dieses Satzes. So wird, was man wohl missbräuchlich Wahrheit von
Bildern und Vorstellungen nennt, auf die Wahrheit von Sätzen zurückgeführt. Was nennt man einen
Satz? Eine Folge von Lauten; aber nur dann, wenn sie einen Sinn hat, womit nicht gesagt sein soll,
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dass jede sinnvolle Folge von Lauten ein Satz sei. Und wenn wir einen Satz wahr nennen, meinen wir
eigentlich seinen Sinn. Danach ergibt sich als dasjenige, bei dem das Wahrsein überhaupt in Frage