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download der tod des iwan iljitsch pdf

UNIVERSITÄT LUZERN
KULTUR- UND SOZIALWISSENSCHAFTLICHE FAKULTÄT
Dialektik des Todes
Tolstoj und „Der Tod des Iwan Iljitsch“
Sandro Wiget
HS 2010
Mit dem "Tod des Iwan Iljitsch" gelingt es dem russischen Schriftsteller Leo N. Tolstoj, Erfahrung, Philosophie und Literatur auf wirkungsvolle Weise zusammenzuführen. Die Bedeutung des Todes wird in ihrer unmittelbaren Abhängigkeit von Inhalt, Ausdruck und Struktur
der Erzählung dargestellt. In dem Sinne wird Literatur selbst zu Philosophie und der Tod
entpuppt sich als Schlüssel zur Erkenntnis.
S ELBSTÄNDIGKEITSERKLÄ RUNG
Zur Hauptseminararbeit: Dialektik des Todes: Tolstoj und „Der Tod des Iwan Iljitsch“

Verfasst von Sandro Wiget

Eingereicht bei Dr. Prof. Dieter Teichert

Am 14.12.2011
Hiermit erkläre ich, dass ich die oben genannte Seminararbeit selbständig verfasst und keine anderen als die von mir angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt habe und dass diese Seminararbeit
noch nicht anderweitig eingereicht wurde.
Brunnen, Datum ________________ Unterschrift: _________________
§38 Unkorrektheiten bei schriftlichen Arbeiten
Abs. 1: Wird eine schriftliche Arbeit nicht in allen Teilen selbständig verfasst und
versucht die studierende Person zu ihrem Vorteil darüber zu täuschen, wird die
Arbeit endgültig abgelehnt.
Abs. 2: Bei wiederholter Unkorrektheit ist der angestrebte Abschluss endgültig
nicht bestanden.
Abs. 3: Wir die Täuschung erst nach Beendigung der Studien entdeckt, kann der
verliehene Grad entzogen werden.
Aus: Studien- und Prüfungsordnung der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen
Fakultät der Universität Luzern (Ausgabe vom 1. Juli 2006)
Sandro Wiget
Kirchenriedweg 20
6440 Brunnen
041 820 38 48 / 079 828 41 47
S08-451-635
Philosophisches Seminar
Hauptseminar
Philosophie und Literatur
Prof. Dr. Christiane Schildknecht
Prof. Dr. Dieter Teichert
I NHALT
1.
EINLEITUNG ........................................................................................................................... 4
2.
DER TOD UND LEO N. TOLSTOJ .............................................................................................. 6
2.1. STERBEN MIT RELIGION ................................................................................................................... 8
2.2. LEBEN MIT PHILOSOPHIE ................................................................................................................. 9
3.
DER TOD DES IWAN ILJITSCH ............................................................................................... 12
3.1. STERBEN .................................................................................................................................... 13
3.2. STERBEND LEBEN ......................................................................................................................... 16
3.3. LEBEND STERBEN ......................................................................................................................... 21
3.4. LEBEN........................................................................................................................................ 26
4.
SCHLUSS: DIALEKTIK DES TODES .......................................................................................... 29
Einleitung
4
Der Tod ist im grossen Naturschauspiel der Tritonus, der „diabolus in musica“, noch besser: der Deus ex
1
machina.
D
er Tod. Kein einfaches Thema. Kein Aspekt des Daseins ist wohl schwieriger zu begreifen
als dessen eigenes Ende. „Mein Tod“ passt nicht, er lässt sich nicht einfach so in die wohlgeordnete Struktur des menschlichen Lebens integrieren. Ob es mit Übung gelingt? Frag-
lich. So fordert denn das Dasein Kreativität. Und der erfinderische Geist des Menschen liefert. Von
den alten Griechen bis ins neue Heute ist es deswegen allgegenwärtig, das Thema Tod. Von den
einfältigsten Alltagsgesprächen, über die abstraktesten Wissenschaftsdiskurse, bis hin zur schönsten
Poesie: Der Tod war und ist in aller Munde. Er wird es wohl auch bleiben. Doch in dem Masse wie im
gesellschaftlichen Diskurs unvermeidlich, bleibt er im individuellen Bewusstsein unfassbar. Im Munde gewonnen, im Denken zerronnen. Pragmatiker verdrängen ihn und Künstler malen ihn an, verpassen ihm ein hübsches Gewand. Aber allen zeigt er sich schliesslich doch. Ohne Dekoration. „Man
haut auf den hedonistischen Putz und lässt den Gevatter Tod einen guten Mann sein. Das hindert ihn
2
aber nicht daran, von Zeit zu Zeit ans Fenster zu klopfen.“ Treffender könnte es der Zürcher Literaturwissenschaftler Peter von Matt in seinem Referat am NZZ-Podium des Lucerne Festival 2010 wohl
kaum formulieren. Der Tod ist des Menschen einzige Gewissheit.
Ob er dem Verständnis offen wäre? Auch das bleibt fraglich. Wir mögen ihn als „Übergang“ „verstehen“, in dem Sinne, dass ein Aspekt von uns in einer anderen Form von Existenz weiterexistiert. Oder
wir können ihn gar als vollständiges Ende der individuellen Existenz annehmen: Es bleiben Annahmen. Umso aufrichtiger ist es daher, diese gegenwärtige Tatsache zu anerkennen und jede Auseinandersetzung mit dem Tode bis zu einem gewissen Grade in die endlose Ansammlung der verschiedensten Spekulationen einzureihen. Das muss auch diese Arbeit. In dem Sinne bleibt der Tod ein
offenes Ende. Dass man jedoch mit diesem offenen Ende konfrontiert wird, ist nicht offen. Und einzig dies soll im weiteren Text von Interesse sein. Es gibt den Tod. Und bis zum Zeitpunkt seines grossen Auftrittes darf der Mensch die Spekulation in ihre Schranken weisen. Das Leben bleibt in unserer
Hand. Und wenn nicht in der Hand, dann doch zumindest in der Erfahrung. Für unsere Spekulation,
und generell für unsere Wahrnehmung muss also das Leben sorgen. Dieses schuldet uns damit den
Blick auf den Tod. So fordert denn auch das Menschenwesen, in Unabhängigkeit von jedem subjektiven Willen, diesen Blick. „Sein“ und „Werden“ verantworten den individuellen Bezug zum Ende. Es
scheint somit keineswegs verfehlt, das „Wie“ und „Warum“, sowie die „Wohin“-Vermutung des
Todes seinem Wesen nach der menschlichen Erfahrungswelt zuzuordnen. Und ist der Tod auch noch
so unbequem in dieser Wahrnehmung. Ganz in Übereinstimmung mit diesen Betrachtungen sind
somit Albert Camus‘ Gedanken, wenn er sich in seinem „Mythos des Sisyphos“ fragt: „Gibt es eine
3
Logik bis zum Tode?“ . Zerbricht er sich doch damit über nichts anderes den Kopf, als über die Bewältigung des Daseins, im Hinblick auf unsere wahrnehmungsbedingte Bezogenheit zum Tode. Diese
Bewältigung soll nun im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehen.
1
Burger, Hermann: Tractatus logico-suicidalis – Über die Selbsttötung, 1988, S. 22
Von Matt, Peter, in: NZZ, 11.09.2010, S. 59
3
Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos, 2000 [1965], S. 18
2
Einleitung
5
Entscheidendes für die literarische und philosophische Auseinandersetzung der Gesellschaft mit dem
Tode hat der russische Graf und Schriftsteller Leo Tolstoj (Leo Nikolajewitsch Tolstoj; 1828-1910)
4
geleistet. Das ganze Leben und Denken des Grafen ist durchdrungen von der Auseinandersetzung
mit dem eigenen Tod. So schreibt er beispielsweise am 1. Januar 1883 in seinem Tagebuch: „Ein
5
neues Jahr! Ich wünsche mir und allen, gut zu sterben.“ Entsprechend widerspiegelt sich dieser